06.05.2010

Zwiegespräch

"Sag mal, was machst du hier eigentlich? Wartest du auf etwas bestimmtes oder hast du deine Orientierung verloren? Du kannst doch nicht stundenlang hier sitzen und nix tun. Wie du tust nix? Ja, ich weiß, dass man nicht nichts tun kann, so wie man nicht nicht kommunizieren kann. Aber dennoch seh ich dich hier zumindest keiner anscheinlichen Tätigkeit als dem Sitzen und Starren nachzugehen. Ach, du denkst? Ja woran denn? Oh, sehr ausschweifend. Und was bringt dir dieses Denken? Mir bereitet es meist Kopfschmerzen, daher lass ich es die meiste Zeit sein und konzentrier mich darauf meine Arbeit zu erledigen. Was soll das heißen, das sei Ablenkung? Na hör mal, glaubst du etwa ich sei blöd? Dacht ich mir. Irgend jemand muss doch nun mal die Dinge machen, die niemand sonst angehen will. Und so schlimm ist es ja nun auch nicht. Manchmal macht es sogar Spaß. Wie verdienst du denn dein Geld? Aber du musst doch irgendwie leben. So ganz ohne Geld? Geht das denn? Ich stell mir das ziemlich schwierig vor, wo es doch heute alles zu kaufen gibt. Ja, Selbstanbau ist zwar eine Möglichkeit, aber wer hat schon Zeit und vor allem Platz dafür? Auf meiner Fensterbank ... ach doch? Das wußt ich noch nicht. Interessant, das wäre ja wirklich mal etwas anderes: ein kleiner Fenstergarten würde mir tatsächlich gefallen. Und wie sieht es mit anderen Dingen des täglichen Bedarfs aus? Naja, Handy, Computer, Auto, Fernsehen und so. Wie kommst du an solche Sachen wie Bier, Käse, Milch und so weiter? Die wachsen ja nun schließlich nicht auf Bäumen. Ja, auf dem Land vielleicht, aber was macht der Stadtbewohner? Der kann ja nicht jeden Tag raus zum Bauern fahren. Stimmt, wir haben auch so einen, jeden Mittwoch und Samstag vorm Rathaus, stehen sie mit ihren Buden und bieten Allerlei an. Ich war bisher noch nicht da, entweder bin ich arbeiten oder es ist mir zu früh. Samstag Morgen schlaf ich gern aus, wenn du verstehst. Also auch ein Langschläfer, ja? Nee, morgenmufflich bin ich zum Glück nicht, dafür hab ich manches Mal Anflüge von Nachmittagsstinkigkeit. Meist nach einem stressigen Arbeitsvormittag. Dann hilft mir aber meist ein kühles Blondes, um den Frust runterzuspülen. Aber ich bin kein Alkoholiker, diesen Vorwurf verbitt ich mir. Das älteste bekannte Rezept ist für die Herstellung von Bier, ich ergebe mich also diesbezüglich nur einer alten Tradition. Schließlich muss es ja auch irgendjemand trinken nachdem es gebraut wurde. Ja, aber gibt es denn nicht für alles Ausreden? Ich meine, wenn du hier die ganze Zeit rumsitzt und nix ... ich meine, dir deine Hälfte zu allem dazudenkst, kommst du dann nicht auch auf dumme Gedanken? Wie jetzt, aber dumme Antworten, denn dumme Fragen gibt es ja auch nicht. Denn wer Fragen stellt, schützt sich vor Dummheit. Und wer nicht fragt, bleibt dumm. Stört es dich eigentlich, dass ich dir hier so viele Fragen nacheinander stelle? Oh danke, sehr freundlich. So hab ich das noch gar nicht betrachtet. Ja, neugierig bin ich in der Tat. Hat mich schon so manches Mal in etwas brenzlige Situationen gebracht, aber dadurch war es bisher auch nie langweilig. Denn wenn ich eins nicht mag, dann Trübsal blasen. Ich brauche ab und an so eine Art Kick, der die gute Pumpe in Gang hält und Verkrustungen löst, wenn du verstehst, was ich meine. Nervenkitzeln sagen wir dazu. Wie kitzelst du dir denn deine Nerven? Auf einmal so schweigsam? Ach du denkst. Das ist ja vom Nichtstun so schwer unterscheidbar. Aber sag mal, du hast mir noch gar nicht gesagt, was du hier machst. Das würde mich nun wirklich interessieren. Du scheinst mir ein netter Mensch zu sein. Auf jeden Fall ziemlich gewieft. Ja, hab ich. Es ist-- oh Mist, meine Mittagspause ist um, ich muss leider los. Bist du morgen auch wieder hier? Was frag ich auch, ich habe dich ja die letzten Tage stets hier angetroffen, sonst wäre ich ja vorhin nicht rübergekommen. Danke auf jeden Fall, dass du mir etwas von deiner Zeit geschenkt hast. Stimmt, solche Momente sind wirklich kostbar. Keine Ahnung, unbezahlbar vielleicht? Also dann, bis morgen."

21.04.2010

Krankzeit

Ein Krankenhausaufenthalt. Der Bauch spannt noch, es zieht und zwickt. Es läuft noch Wundsekret ins angehängte Säckchen. Es läuft die Zeit zähflüssig mit aus. Im Krankenhaus klebt die Zeit an den Wänden. Stunde ist hier meist zweie lang. Die Aussicht auf Besserung ist stetig die gleiche, mit Versprechen auf baldige Entlassung.

Der Tag beginnt früh, aber geschwind. Wie Ameisen laufen die Schwestern und Pfleger durch die Zimmer, erledigen ihre Dinge und malträtieren ein wenig ihre Patienten, der Genesung wegen, zum Wohlsein etwas Strenge angelegt. Rast, aber keine Ruhe. Anderer Alltag, neues Treiben. Mit jedem Schluck Wasser nimmt man auch einen Schritt gen Heimat ein. Trinken, viel trinken, mindestens zwei Liter am Tag.

Im Krankenbett lockert sich die Bindung zur Welt, ohne Neuigkeiten von außen schwindet die Einsicht ins Geschehen zur Lokalisierung des Ichs im Hier und Jetzt. Wie im Urlaub, wo die Nachrichtenlage geringer ist, führt der Mangel an Informationen zum Treiben in undefinierter Zeit, schwimmen ohne Ufersicht. Das Krankenbett als Refugium vom Alltag, eine Insel der Isolation: Zeit zum Denken, Zeit zum Schwenken in Erinnerungen und Tagträumen.

Der Blick geht zum Horizont, die Himmelsdecke steht über dem Dächerwald. Unten alltäglicher Trubel und oben kreisen die Raben. Der Frühling kriecht in den siebten Stock empor, Blätter öffnen ihre Glieder. Der Körper ruht in stiller Höhe, nur die Bauarbeiten stören die Rekonvaleszenz. Doch gewöhnt man sich auch an das -- fühlt sich dann doch wie zuhause an.

08.04.2010

Heimfahrt

Ich sitze in der S7 mit Erykah im Ohr und fahre von der Arbeit heim. Mit gewohnter Regelmäßigkeit nehme ich den Zug zwischen zwei Städten, nehme den Wechsel und die Gleichmäßigkeit, die an mir vorbeirauscht, auf mit den Augen, die betrachten, eine Welt, die am Fenster vorbeizieht, eine Welt in der ich mich bewege mit dem Zug auf dem Weg, dessen Ziel ich zwar kenne, aber dessen Verlauf ich nur ahne, selbst die Richtung ist nicht immer eindeutig. 

Manchmal fahre ich rückwärts sitzend und stelle mir vor, vorwärts zu fahren. Ich stelle mir es vor und manchmal täusche ich mich selber, doch nicht für lang, denn dann muss ich die Augen wieder öffnen, um den Zug zu wechseln.

Das Treiben hat Kontur,
Im Chaos steckt Struktur.
In der Ordnung findet sich Sinn,
Komplexität wird geregelt.
Hinweisschilder, Informationstafeln,
aufgelistete Übersicht
zeugt von gedruckter Sauberkeit.

Wer will noch nicht, wer hat schon mal? Das Signal ertönt, die Türen schließen, auf ein weiteres Mal mit Fremden eingesperrt (von Freunden trennt uns stets nur ein Umstoss). Jeder für sich, Hauptsache sitzen. Während wir aus dem Bahnhof ausfahren, beschleicht mich in der Magengegend das erdrückende Gefühl im falschen Zug zu sitzen. Ein Zurück ist nicht mehr möglich, die Fahrt hat bereits begonnen. 

Es gibt kein Richtig und Falsch, nur Möglichkeiten, Anfang, Zwischenspiel und Ende. Die Türen gehen auf, die Türen gehen zu. Automatisch kommen neue Menschen herein, gekannte Gesichter steigen aus. Man sieht sich stets zweimal oder täglich, wenn man den Zug erwischt. Das Ziel ist zeitweilig das Gleiche, aber jeder steigt an anderer Stelle aus.

Der Zug schunkelt über die Weichen, der Mann vom Band ohne Gesicht und Hand gibt die nächste Destination bekannt. Ich nähere mich meiner Station, immer auf der Suche nach neuer Musik. Versteckte Blicke, verhohlenes Glotzen, es bleibt beim Augenkontakt zwischen den anderen und mir, ihnen und dir. Jeder für sich und doch irgendwie alle am selben Zug. Die Richtung stimmt, wir brauchen nur noch Geschwindigkeit dann kommt das Ganze auch ins Rollen. Den Takt geben wir an, das Signal ertönt, die Türen schließen. 

Nächste Station: Zeit aufzustehen, Zeit angekommen zusammenzupacken, zusammenzuraffen.

30.03.2010

Kopfsache


In dem Moment, in dem ich einen Gedanken ausspreche, scheint er ein Stück seiner Klarheit zu verlieren. Im Kopf klang es eben noch schön. Doch das Bedürfnis zu Teilen, die Gedanken aus dem Kopf und in den Mund oder die Hand zu nehmen, ist stets und ständig ein großes und dringliches. Denn nur im Austausch mit dem Gegenüber erfährt der Mensch die Neuigkeiten.

Manchmal geht allerdings schon auf dem Sendeweg ein Teil der Information verloren. Zwischen Ober- und Unterarm oder zwischen den Stimmbändern findet der obduzierende Arzt vermutlich einmal ein Sammelsurium an fehlenden Worten. Die Zunge ist ja auch ein berüchtigter Ort, an dem vieles auf der Strecke liegen bleibt. Auch der Empfangsweg ist manchmal holprig. Doch im Gegensatz zum Ohrwurm, den man ja nicht so ohne weiteres los wird, ist der Frosch im Hals, der zur Sprachlosigkeit führen kann, äußerst unangenehm und unerwünscht.

Allerdings erscheint mir nichts schlimmer als Gedankenlosigkeit, der Black-out in der Birne. So manch ein Zeitgenosse versucht ja diesen Zustand willentlich mit diversen Hilfsmitteln und -tinkturen aus den verschiedensten Gründen hervorzurufen. Doch weder Vergessen oder Verdrängen noch Verwischen führen zum gewünschten Effekt, denn gerade das Unterdrückte erreicht uns in den stillen Momenten am ehesten.

In einem Kopf spielt sich schon eine Menge ab -- genau wie das Herz ohne Ruh' und Rast, denn erst Gevatter Tod macht das Licht aus. Bis dahin geistesblitzt und -funkt es unaufhörlich. Es gelangen Sinneseindrücke in die graue Masse, die einem ein Bild, einen Hauch, einen Ton von draußen vermitteln, mit Hilfe derer der Welt, in der man wandelt und handelt, in der man schaltet und waltet einen (oder mehrere) Sinn gegeben und gemacht wird.

24.12.2009

wintersonnenwende

wieder eins rum, so schnell kann das gehen. erst gestern war doch gerade nur die hälfte vorbei, genossen wir die wohligen strahlen wärmender sonne und nun sind wir schon am ende eines weiteren jahres angekommen. traditionell wird dieser übergang in abendländischen wohnzimmern mit tanne und glühwein begangen, mit gaben und botschaften des glücks und der wonne an und für das kommende neue. menschen versammeln sich beieinander in vertrauter runde und verbringen gemeinsam diese stunden des rückblicks und innehaltens, des schenkens und schlemmens. 

wir wünschen einander das beste und hoffe für uns das meiste, vergessen dabei jedoch nicht die mit dem geringsten und solche mit dem schlimmsten und denken an die entfernten und abwesenden, stimmen ein ins fröhlichste und bereiten einander das schönste. wir feiern die feste wie sie fallen und nehmen mit was wir kriegen können. seid lieb zu einander und achtet die andern. was euch ist gegeben, das gebt auch den ohne. freut euch eurer nächsten und labt euch im lohne, dessen was erreicht und dessen was noch kommt. wir sind das ergebnis unserer taten und die basis unseres tuns, mit jedem schritt dem glück ein stückchen näher, der pein ein wenig ferner. möget ihr finden, was ihr euch wünscht, sei gewährt, was ihr gesucht habt: besinnlichkeit und friedliche gäste.

alle jahre wieder nehmen wir uns denn ein wenig von der zeit, die uns im restlichen jahr so knapp und kostbar ist, um noch einmal zurück zu schauen auf das was bisher geschah und um voraus zu schauen auf das was kommen mag. zum nun mehr dreißigsten male - das erste mal noch im bauch meiner werten frau mama - hänge ich zwischen den jahren, während ich auf diesem äußerst kuriosen planeten das zentralgestirn in unserem sonnensystem umkreise. am ende einer jeden runde wird es stets etwas ruhiger und besinnlicher um einen herum, sodass dann mit schwung in die nächste gestartet werden kann.



in gut zwei wochen beginnt eine neue runde für mich. seit alsbald dreißig runden trete ich in leben und fettnäpfchen meiner gefährten und mitreisenden, auf dem weg zeit, leid, freude und glück mit und ab nehmend und gebend. als menschen stecken wir der kontinutität in einen rahmen aus ziffern und zahlen durch ein- und aufteilung in tag und jahr, und dekaden voller momente und augenblicke gelebter und geträumter wirkungszeit.

für diesen tag, der unumstösslich kommen wird, möcht ich keine geschenke, keine materiellen immerhin. ich möchte, mit verlaub, eure worte und sätze, die in einem brief an mich verpackt sind (elektronische sind auch willkommen). in diesem sollen eure erinnerungen an mich und mit mir stehen. zeitstücke, -krümel und -brocken aus dem kuchen, den wir leben nennen. schreibt mir eure geschichten auf, die euch in erinnerung kommen, wenn ihr an unsere gemeinsame zeit denkt, jeglicher art und weise aus kinder-, jugend- und greisenalter. ob nun eine ausführlich oder zweihundert kleine geschichten, das sehe ich nicht so genau. und wenn wir uns schon ewigkeiten nicht gehört, noch gelesen haben, seid mir nicht bös, ich habe nicht vergessen, weder euch, noch uns. wie kann ich auch? seid ihr und jede(r), die in und auf meinen lebenspfad getreten ist, teil dessen, der ich nun mehr heute bin, weil eure wege meine kreuzten und mich zu diesem wesen mit formten. nehmt kein blatt vor den mund, lieber einen stift in die hand.  lasst eurer kreativität mal wieder richtig freien lauf, spinnt ein wenig herum und holt sie zum essen wieder herein. lobhudeleit mich bis mir die ohren bluten, wenn es euch gefällt - mir würde es gefallen, in jedem fall (für fragen stehe ich per mail, telefon, telepathie und traumwanderung stets und sehr gern zur verfügung).


Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte euch das Leben.
Das genügt, wenn man's bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist's noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt`s Weihnachtsfest genug.
Christentum vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt`s an Holz!
Stille Nacht und heil`ge Nacht –
Weint, wenn`s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder wird`s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen Kinder lernt für`s Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht soweit…
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Erich Kästner

07.11.2009

querschläger

aufgewühlt, durchgewühlt, durcheinander, kreuz & quer. aus der reihe, nicht in ordnung, kaum noch sinn drin. zweifelnd im eigenen saft. ausblickslos im kreise drehend auf der stelle treten und keinen ganzen satz rausbringen. nebensatz, haupsatz; nebensache, hauptsache. mit dem ersten schritt in die möglichkeiten des scheiterns. antrieb, abtrieb; aufwärts, abwärts - vorwärts immer. alles dreht sich. einen schritt heraustreten, von außen betrachten, von innen zerfressen. weiter, immer weiter und doch kein voran.

raus hier, bloß weg. nicht hinschauen, vielleicht vergessen.

hängen, pendeln, schaukeln, schwingen. zwischen den stühlen: unentschlossen, entschlußlos. wohin vor lauten fragezeichen? ausrufezeichen, ausrufen. hier & jetzt für morgen und dann. dämonen bekämpfen, verhandeln statt nachgeben. herr über den eigenen schweinehund. an die leine, zügellos gezügelt, gebündelt. frei lassen, frei sein. ungehalten aufrecht gehen. gehen. geradeaus. rechts und links, chaos möglichkeiten.

wo willst du hin? wo bist du grad? was musst du tun, wie kommst du hin? gibt es andere wege? als nur den einen. landkarten helfen wege finden. kalibrieren, justieren, schrauben & drehen. machen, nicht sitzen, nicht liegen. nicht warten und nicht wegducken. machen. handeln.

schrittchenweise, ein haps nach dem anderen. breitgeschmierte platitüden, wohlschmeckende worte, verbales kraftfutter. sprich's nicht nur, mach's auch. mach's einfach. einfach machen statt kompliziert. nacheinander zusammen. das ganze aufgeteilt in etappen. erfolgskrümmel.

19.09.2009

Wahlbeteiligung

Nächsten Sonntag sind Bundestagswahlen in Deutschland und in zwei weiteren Bundesländern, Brandenburg und Schleswig-Holstein, zusätzlich noch Landtagswahlen.

Wenn man den großen Teil seiner Zeit im Internet verbringt, lässt einen das Gefühl nicht los, an diesem Sonntag könne eine Partei besonders viele Kreuzchen einsammeln, die Piratenpartei. Doch wie es meistens ist, trügt der Schein. Denn was im Netz nach einer überwältigenden Mehrheit für eine neue politische Gruppierung der digitalen Boheme ausschaut, verblasst außerhalb der Kupferdrahtleitungen und Glasfaserkabeln dieser Republik zu einer Karikatur des Widerstands. Vermutungen über die Zahlengröße der politisch-aktiven Netzbürger stellen inzwischen einen anderen Blick auf die Möglichkeiten der neuen bürgerlichen Bewegung dar. Hoffnung gab einem der Erfolg der schwedischen Mitstreiter bei der vorangegangenen Europawahl im Juli, aber die ernüchternden Wahlergebnisse für Deutschland zeichneten ein anderes Bild. In manchen Berliner Bezirken traten die Piraten schon etwas prägnanter in Erscheinung, doch insgesamt reichte es nicht für den deutschen Einzug ins EU-Parlament. Noch bis kommenden Wahl-Sonntag werden die Piraten, wie die anderen Parteien auch, alles versuchen, um den Wähler davon überzeugen, die Stimme genau ihnen zu geben.

Doch in einem sind sich viele Menschen on- und offline mittlerweile einige: irgendetwas stinkt in diesem Lande gewaltig in den Himmel. Unzufriedenheit, das Gefühl verarscht zu werden und freiheitliche Einengung machen sich breit. Der Mensch gerät an die Grenze des Erträglichen und platzt dann aus seinen Nähten. Diese Wut, die darin ruhende Kraft muss gebündelt und genutzt werden. Nicht der Unmut über die Hilflosigkeit sollte obsiegen, sondern die menschliche Fähigkeit zur Veränderung unserer Mißstände sollte unser Handeln beflügeln. Von nischt, kommt nischt, heißt es doch so schön. Wenn wir merken, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass die Dinge um uns herum störend auffallen und wir darüberhinaus auch diese Gefühle bei anderen Menschen entdecken, dann gilt es nachzuforschen, was es damit auf sich hat. Vor zwanzig Jahren merkten die Menschen schon einmal etwas gemeinsam, als die eine oder andere euphorische Brise des Wandels durch die ostdeutschen Landen wehte. Auch dieses Mal gilt es viel anzupacken und vieles in andere Bahnen zu lenken. Doch erst gilt es zu informieren und zu realisieren, damit wir dann gemeinsam entscheiden, wie wir voranschreiten wollen.

Wenn wir am nächsten Sonntag eine neue Regierung wählen, dann tun wir dies nicht, um „den da oben“ zu gefallen, sondern dann nehmen wir unsere Souverängewalt in die Hand und erteilen einen Auftrag, den wir mit dem Kreuz erteilen. Wie setzt man allerdings diese Macht ein, um das zu bekommen, was man will? Was passiert, wenn man sein Kreuz nicht setzt? Wie nehme ich auf das Einfluss, was mich die nächsten vier bis fünf Jahre wieder quälen könnte bzw. wie verhindere ich das?

Auch wenn unser derzeitiges Wahlsystem nicht dazu dient es allen und jedem recht zu machen, müssen wir mit den Bedingungen und Anforderungen umgehen können, die es an uns, den Wähler, stellt.

Erst- und Zweitstimme

Jeder Wähler hat eine sogenannte Erst- und Zweitstimme. Mit der Erststimme wird direkt ein Abgeordneten aus dem jeweiligen Wahlkreis, in dem man gemeldet ist, gewählt. Hierbei gilt das Mehrheitsprinzip, d. h. der Kandidat mit den meisten Stimmen pro Wahlkreis gewinnt die Wahl, alle anderen gehen leer aus.
Die Abgabe der Erststimme und das damit verbundene Mehrheitswahlverfahren könnte z. B. folgendermaßen aussehen:
  • CDU-Abgeordneter kriegt 30 %
  • SPD-Abgeordneter kriegt 29 %
  • Linke-Abgeordneter kriegt 29 %
  • Grünen-Abgeordneter kriegt 10%
  • Piratenabgeordneter kriegt 2%
Obwohl also insgesamt 70% der Wähler für Parteien gestimmt haben, die für Volksabstimmungen, weniger Kriege und weniger staatliche Überwachung gestimmt haben, erhält der Kandidat von der CDU den Stimmzuschlag, weil dieser die meisten Stimmen in diesem Wahlkreis gewonnen hat. 70% aller Wähler werden also total vor den Kopf gestoßen!
Die Erststimme einem Kandidaten aus einer kleinen Partei zu geben, bringt somit nur wenig. Mit der Zweitstimme wird eine zur Wahl zugelassene Partei gewählt. Hierbei gilt jedoch das prozentuale Wahlverhältnis, daher ist es in diesem Fall nicht vergebens auch einer kleinen Partei die Stimme zu geben. Hierbei sollte aber dennoch bedacht werden, dass die sogenannte 5%-Klausel überwunden werden muss, um Wirkung zu zeigen. Das bedeutete, dass 5% aller abgegebenen Stimmen auf die gewählte Partei fallen müssen. Dies ist insbesondere für neue und weniger populäre Gruppierungen eine ungünstige Startposition. Auch wenn also im Netz die Wellen für die Piratenpartei sehr hoch schlagen, zählen auch die Stimmen der „offliner“, d. h. der Bürger, die nicht im Netz wohnen und die von der Piratomanie wenig bis gar nichts mitbekommen haben (vielleicht den ein oder anderen hetzenden Schmähartikel gelesen) und somit vermutlich nur ein verzerrtes Bild von den Frei(heits)meutern auf dem Stimmzettel anfangen können. Derzeit sieht es zudem so aus, dass die Piraten bei dieser Wahl die Hürde nicht schaffen werden, da die Prognosen im Internet bei ca. 2-3% liegen.

Sicherlich will jeder Netzbürger auch im Netz seine Rechte gewahrt wissen. Es ist auch gut, dass es inzwischen zu dieser Entwicklung gekommen ist, da somit stets verdeutlicht wird, dass die Dinge um uns herum nicht bleiben müssen wie sie sind, sondern geändert und verbessert werden können. Von uns, für uns.

Wer steht noch zur Wahl?

Entscheidungshelfer:

Untergrund-Filmfestival

Im "Fahrgastfernsehen" der Berliner U-Bahn fand zum achten Mal das jährlich Kurzfilmfestival "Going Underground" statt.
Mit 511 Einreichungen aus 41 Ländern ist Going Underground in der internationalen Kurzfilmszene längst zu einer Institution und einem Aushängeschild für Berlin geworden.
Die Gewinner werden von den 1,6 Millionen Fahrgästen bestimmt, die auf der Webseite des Festivals abstimmen können. Auf Platz eins kam das Video "Zehn Filmklassiker gespielt von Fischen", aber mein Favorit ist der zweite Platz von Daniel Faigle: "Fernseher".

Synopsis: Ein Fernseher will fernsehen. Ein aussichtsloses Unterfangen? Von wegen!

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