21.04.2010

Krankzeit

Ein Krankenhausaufenthalt. Der Bauch spannt noch, es zieht und zwickt. Es läuft noch Wundsekret ins angehängte Säckchen. Es läuft die Zeit zähflüssig mit aus. Im Krankenhaus klebt die Zeit an den Wänden. Stunde ist hier meist zweie lang. Die Aussicht auf Besserung ist stetig die gleiche, mit Versprechen auf baldige Entlassung.

Der Tag beginnt früh, aber geschwind. Wie Ameisen laufen die Schwestern und Pfleger durch die Zimmer, erledigen ihre Dinge und malträtieren ein wenig ihre Patienten, der Genesung wegen, zum Wohlsein etwas Strenge angelegt. Rast, aber keine Ruhe. Anderer Alltag, neues Treiben. Mit jedem Schluck Wasser nimmt man auch einen Schritt gen Heimat ein. Trinken, viel trinken, mindestens zwei Liter am Tag.

Im Krankenbett lockert sich die Bindung zur Welt, ohne Neuigkeiten von außen schwindet die Einsicht ins Geschehen zur Lokalisierung des Ichs im Hier und Jetzt. Wie im Urlaub, wo die Nachrichtenlage geringer ist, führt der Mangel an Informationen zum Treiben in undefinierter Zeit, schwimmen ohne Ufersicht. Das Krankenbett als Refugium vom Alltag, eine Insel der Isolation: Zeit zum Denken, Zeit zum Schwenken in Erinnerungen und Tagträumen.

Der Blick geht zum Horizont, die Himmelsdecke steht über dem Dächerwald. Unten alltäglicher Trubel und oben kreisen die Raben. Der Frühling kriecht in den siebten Stock empor, Blätter öffnen ihre Glieder. Der Körper ruht in stiller Höhe, nur die Bauarbeiten stören die Rekonvaleszenz. Doch gewöhnt man sich auch an das -- fühlt sich dann doch wie zuhause an.

08.04.2010

Heimfahrt

Ich sitze in der S7 mit Erykah im Ohr und fahre von der Arbeit heim. Mit gewohnter Regelmäßigkeit nehme ich den Zug zwischen zwei Städten, nehme den Wechsel und die Gleichmäßigkeit, die an mir vorbeirauscht, auf mit den Augen, die betrachten, eine Welt, die am Fenster vorbeizieht, eine Welt in der ich mich bewege mit dem Zug auf dem Weg, dessen Ziel ich zwar kenne, aber dessen Verlauf ich nur ahne, selbst die Richtung ist nicht immer eindeutig. 

Manchmal fahre ich rückwärts sitzend und stelle mir vor, vorwärts zu fahren. Ich stelle mir es vor und manchmal täusche ich mich selber, doch nicht für lang, denn dann muss ich die Augen wieder öffnen, um den Zug zu wechseln.

Das Treiben hat Kontur,
Im Chaos steckt Struktur.
In der Ordnung findet sich Sinn,
Komplexität wird geregelt.
Hinweisschilder, Informationstafeln,
aufgelistete Übersicht
zeugt von gedruckter Sauberkeit.

Wer will noch nicht, wer hat schon mal? Das Signal ertönt, die Türen schließen, auf ein weiteres Mal mit Fremden eingesperrt (von Freunden trennt uns stets nur ein Umstoss). Jeder für sich, Hauptsache sitzen. Während wir aus dem Bahnhof ausfahren, beschleicht mich in der Magengegend das erdrückende Gefühl im falschen Zug zu sitzen. Ein Zurück ist nicht mehr möglich, die Fahrt hat bereits begonnen. 

Es gibt kein Richtig und Falsch, nur Möglichkeiten, Anfang, Zwischenspiel und Ende. Die Türen gehen auf, die Türen gehen zu. Automatisch kommen neue Menschen herein, gekannte Gesichter steigen aus. Man sieht sich stets zweimal oder täglich, wenn man den Zug erwischt. Das Ziel ist zeitweilig das Gleiche, aber jeder steigt an anderer Stelle aus.

Der Zug schunkelt über die Weichen, der Mann vom Band ohne Gesicht und Hand gibt die nächste Destination bekannt. Ich nähere mich meiner Station, immer auf der Suche nach neuer Musik. Versteckte Blicke, verhohlenes Glotzen, es bleibt beim Augenkontakt zwischen den anderen und mir, ihnen und dir. Jeder für sich und doch irgendwie alle am selben Zug. Die Richtung stimmt, wir brauchen nur noch Geschwindigkeit dann kommt das Ganze auch ins Rollen. Den Takt geben wir an, das Signal ertönt, die Türen schließen. 

Nächste Station: Zeit aufzustehen, Zeit angekommen zusammenzupacken, zusammenzuraffen.