06.05.2010

Zwiegespräch

"Sag mal, was machst du hier eigentlich? Wartest du auf etwas bestimmtes oder hast du deine Orientierung verloren? Du kannst doch nicht stundenlang hier sitzen und nix tun. Wie du tust nix? Ja, ich weiß, dass man nicht nichts tun kann, so wie man nicht nicht kommunizieren kann. Aber dennoch seh ich dich hier zumindest keiner anscheinlichen Tätigkeit als dem Sitzen und Starren nachzugehen. Ach, du denkst? Ja woran denn? Oh, sehr ausschweifend. Und was bringt dir dieses Denken? Mir bereitet es meist Kopfschmerzen, daher lass ich es die meiste Zeit sein und konzentrier mich darauf meine Arbeit zu erledigen. Was soll das heißen, das sei Ablenkung? Na hör mal, glaubst du etwa ich sei blöd? Dacht ich mir. Irgend jemand muss doch nun mal die Dinge machen, die niemand sonst angehen will. Und so schlimm ist es ja nun auch nicht. Manchmal macht es sogar Spaß. Wie verdienst du denn dein Geld? Aber du musst doch irgendwie leben. So ganz ohne Geld? Geht das denn? Ich stell mir das ziemlich schwierig vor, wo es doch heute alles zu kaufen gibt. Ja, Selbstanbau ist zwar eine Möglichkeit, aber wer hat schon Zeit und vor allem Platz dafür? Auf meiner Fensterbank ... ach doch? Das wußt ich noch nicht. Interessant, das wäre ja wirklich mal etwas anderes: ein kleiner Fenstergarten würde mir tatsächlich gefallen. Und wie sieht es mit anderen Dingen des täglichen Bedarfs aus? Naja, Handy, Computer, Auto, Fernsehen und so. Wie kommst du an solche Sachen wie Bier, Käse, Milch und so weiter? Die wachsen ja nun schließlich nicht auf Bäumen. Ja, auf dem Land vielleicht, aber was macht der Stadtbewohner? Der kann ja nicht jeden Tag raus zum Bauern fahren. Stimmt, wir haben auch so einen, jeden Mittwoch und Samstag vorm Rathaus, stehen sie mit ihren Buden und bieten Allerlei an. Ich war bisher noch nicht da, entweder bin ich arbeiten oder es ist mir zu früh. Samstag Morgen schlaf ich gern aus, wenn du verstehst. Also auch ein Langschläfer, ja? Nee, morgenmufflich bin ich zum Glück nicht, dafür hab ich manches Mal Anflüge von Nachmittagsstinkigkeit. Meist nach einem stressigen Arbeitsvormittag. Dann hilft mir aber meist ein kühles Blondes, um den Frust runterzuspülen. Aber ich bin kein Alkoholiker, diesen Vorwurf verbitt ich mir. Das älteste bekannte Rezept ist für die Herstellung von Bier, ich ergebe mich also diesbezüglich nur einer alten Tradition. Schließlich muss es ja auch irgendjemand trinken nachdem es gebraut wurde. Ja, aber gibt es denn nicht für alles Ausreden? Ich meine, wenn du hier die ganze Zeit rumsitzt und nix ... ich meine, dir deine Hälfte zu allem dazudenkst, kommst du dann nicht auch auf dumme Gedanken? Wie jetzt, aber dumme Antworten, denn dumme Fragen gibt es ja auch nicht. Denn wer Fragen stellt, schützt sich vor Dummheit. Und wer nicht fragt, bleibt dumm. Stört es dich eigentlich, dass ich dir hier so viele Fragen nacheinander stelle? Oh danke, sehr freundlich. So hab ich das noch gar nicht betrachtet. Ja, neugierig bin ich in der Tat. Hat mich schon so manches Mal in etwas brenzlige Situationen gebracht, aber dadurch war es bisher auch nie langweilig. Denn wenn ich eins nicht mag, dann Trübsal blasen. Ich brauche ab und an so eine Art Kick, der die gute Pumpe in Gang hält und Verkrustungen löst, wenn du verstehst, was ich meine. Nervenkitzeln sagen wir dazu. Wie kitzelst du dir denn deine Nerven? Auf einmal so schweigsam? Ach du denkst. Das ist ja vom Nichtstun so schwer unterscheidbar. Aber sag mal, du hast mir noch gar nicht gesagt, was du hier machst. Das würde mich nun wirklich interessieren. Du scheinst mir ein netter Mensch zu sein. Auf jeden Fall ziemlich gewieft. Ja, hab ich. Es ist-- oh Mist, meine Mittagspause ist um, ich muss leider los. Bist du morgen auch wieder hier? Was frag ich auch, ich habe dich ja die letzten Tage stets hier angetroffen, sonst wäre ich ja vorhin nicht rübergekommen. Danke auf jeden Fall, dass du mir etwas von deiner Zeit geschenkt hast. Stimmt, solche Momente sind wirklich kostbar. Keine Ahnung, unbezahlbar vielleicht? Also dann, bis morgen."

21.04.2010

Krankzeit

Ein Krankenhausaufenthalt. Der Bauch spannt noch, es zieht und zwickt. Es läuft noch Wundsekret ins angehängte Säckchen. Es läuft die Zeit zähflüssig mit aus. Im Krankenhaus klebt die Zeit an den Wänden. Stunde ist hier meist zweie lang. Die Aussicht auf Besserung ist stetig die gleiche, mit Versprechen auf baldige Entlassung.

Der Tag beginnt früh, aber geschwind. Wie Ameisen laufen die Schwestern und Pfleger durch die Zimmer, erledigen ihre Dinge und malträtieren ein wenig ihre Patienten, der Genesung wegen, zum Wohlsein etwas Strenge angelegt. Rast, aber keine Ruhe. Anderer Alltag, neues Treiben. Mit jedem Schluck Wasser nimmt man auch einen Schritt gen Heimat ein. Trinken, viel trinken, mindestens zwei Liter am Tag.

Im Krankenbett lockert sich die Bindung zur Welt, ohne Neuigkeiten von außen schwindet die Einsicht ins Geschehen zur Lokalisierung des Ichs im Hier und Jetzt. Wie im Urlaub, wo die Nachrichtenlage geringer ist, führt der Mangel an Informationen zum Treiben in undefinierter Zeit, schwimmen ohne Ufersicht. Das Krankenbett als Refugium vom Alltag, eine Insel der Isolation: Zeit zum Denken, Zeit zum Schwenken in Erinnerungen und Tagträumen.

Der Blick geht zum Horizont, die Himmelsdecke steht über dem Dächerwald. Unten alltäglicher Trubel und oben kreisen die Raben. Der Frühling kriecht in den siebten Stock empor, Blätter öffnen ihre Glieder. Der Körper ruht in stiller Höhe, nur die Bauarbeiten stören die Rekonvaleszenz. Doch gewöhnt man sich auch an das -- fühlt sich dann doch wie zuhause an.

08.04.2010

Heimfahrt

Ich sitze in der S7 mit Erykah im Ohr und fahre von der Arbeit heim. Mit gewohnter Regelmäßigkeit nehme ich den Zug zwischen zwei Städten, nehme den Wechsel und die Gleichmäßigkeit, die an mir vorbeirauscht, auf mit den Augen, die betrachten, eine Welt, die am Fenster vorbeizieht, eine Welt in der ich mich bewege mit dem Zug auf dem Weg, dessen Ziel ich zwar kenne, aber dessen Verlauf ich nur ahne, selbst die Richtung ist nicht immer eindeutig. 

Manchmal fahre ich rückwärts sitzend und stelle mir vor, vorwärts zu fahren. Ich stelle mir es vor und manchmal täusche ich mich selber, doch nicht für lang, denn dann muss ich die Augen wieder öffnen, um den Zug zu wechseln.

Das Treiben hat Kontur,
Im Chaos steckt Struktur.
In der Ordnung findet sich Sinn,
Komplexität wird geregelt.
Hinweisschilder, Informationstafeln,
aufgelistete Übersicht
zeugt von gedruckter Sauberkeit.

Wer will noch nicht, wer hat schon mal? Das Signal ertönt, die Türen schließen, auf ein weiteres Mal mit Fremden eingesperrt (von Freunden trennt uns stets nur ein Umstoss). Jeder für sich, Hauptsache sitzen. Während wir aus dem Bahnhof ausfahren, beschleicht mich in der Magengegend das erdrückende Gefühl im falschen Zug zu sitzen. Ein Zurück ist nicht mehr möglich, die Fahrt hat bereits begonnen. 

Es gibt kein Richtig und Falsch, nur Möglichkeiten, Anfang, Zwischenspiel und Ende. Die Türen gehen auf, die Türen gehen zu. Automatisch kommen neue Menschen herein, gekannte Gesichter steigen aus. Man sieht sich stets zweimal oder täglich, wenn man den Zug erwischt. Das Ziel ist zeitweilig das Gleiche, aber jeder steigt an anderer Stelle aus.

Der Zug schunkelt über die Weichen, der Mann vom Band ohne Gesicht und Hand gibt die nächste Destination bekannt. Ich nähere mich meiner Station, immer auf der Suche nach neuer Musik. Versteckte Blicke, verhohlenes Glotzen, es bleibt beim Augenkontakt zwischen den anderen und mir, ihnen und dir. Jeder für sich und doch irgendwie alle am selben Zug. Die Richtung stimmt, wir brauchen nur noch Geschwindigkeit dann kommt das Ganze auch ins Rollen. Den Takt geben wir an, das Signal ertönt, die Türen schließen. 

Nächste Station: Zeit aufzustehen, Zeit angekommen zusammenzupacken, zusammenzuraffen.

30.03.2010

Kopfsache


In dem Moment, in dem ich einen Gedanken ausspreche, scheint er ein Stück seiner Klarheit zu verlieren. Im Kopf klang es eben noch schön. Doch das Bedürfnis zu Teilen, die Gedanken aus dem Kopf und in den Mund oder die Hand zu nehmen, ist stets und ständig ein großes und dringliches. Denn nur im Austausch mit dem Gegenüber erfährt der Mensch die Neuigkeiten.

Manchmal geht allerdings schon auf dem Sendeweg ein Teil der Information verloren. Zwischen Ober- und Unterarm oder zwischen den Stimmbändern findet der obduzierende Arzt vermutlich einmal ein Sammelsurium an fehlenden Worten. Die Zunge ist ja auch ein berüchtigter Ort, an dem vieles auf der Strecke liegen bleibt. Auch der Empfangsweg ist manchmal holprig. Doch im Gegensatz zum Ohrwurm, den man ja nicht so ohne weiteres los wird, ist der Frosch im Hals, der zur Sprachlosigkeit führen kann, äußerst unangenehm und unerwünscht.

Allerdings erscheint mir nichts schlimmer als Gedankenlosigkeit, der Black-out in der Birne. So manch ein Zeitgenosse versucht ja diesen Zustand willentlich mit diversen Hilfsmitteln und -tinkturen aus den verschiedensten Gründen hervorzurufen. Doch weder Vergessen oder Verdrängen noch Verwischen führen zum gewünschten Effekt, denn gerade das Unterdrückte erreicht uns in den stillen Momenten am ehesten.

In einem Kopf spielt sich schon eine Menge ab -- genau wie das Herz ohne Ruh' und Rast, denn erst Gevatter Tod macht das Licht aus. Bis dahin geistesblitzt und -funkt es unaufhörlich. Es gelangen Sinneseindrücke in die graue Masse, die einem ein Bild, einen Hauch, einen Ton von draußen vermitteln, mit Hilfe derer der Welt, in der man wandelt und handelt, in der man schaltet und waltet einen (oder mehrere) Sinn gegeben und gemacht wird.