03.07.2009

Wie heißt du?

Unser oranger Stubentiger erhält je nach Laune und Lust einen neuen Namen. Mit felinen Mitbewohner kann man das ja machen, denn sie hören ja sowieso nicht darauf. Die offizielle Bezeichnung lautet Carlos, doch wird er begrüßt mit Kitusan, Finchosan, Br'sr, etc.

Vor Jahren habe ich mal ein Buch über die australischen Ureinwohner gelesen: "Der Traumfänger" von Marlo Morgan. In der Geschichte machte sich eine amerikanische Reisende mit einer Gruppe von Aboriginals auf einen sogenannten Walkabout, einer sechs monatigen Wanderung durch die roten Landschaften down under. Auf dieser Reise erfährt der Leser mit den Wanderern eine Veränderung in der Sichtweise auf das Leben. Am Ende ist nichts mehr wie es zum Beginn der strapaziösen und ereignisreichen Reise war.

Die Ureinwohner sehen das Leben in Zyklen. Jeder Zyklus bringt neue Aspekte der Erkenntnis, jeder Aspekt verändert den Menschen. Diese Veränderung wird durch einen neuen Namen vermittelt. Damals war mir dieses Konzept völlig fremd und unverständlich. Wie sollte das funktionieren? Bis dahin nahm ich an, dass ein Mensch einen Namen hat wie eine Leuchtboje auf dem Ozean. Unumstösslich, unabänderlich auf den Wellen des Lebens.

So viel anders als die alten Kulturen sind die digitalen Kulturen im Netz scheinbar nicht. Auch wir geben uns neue Namen, in regelmäßigen Abständen oder wenn der gewünschte schon von einem anderen User verwendet wird. Verschiedene Plattformen, verschiedene Ausführungen einer Person: alphanumerische Kenn- und Bezeichnung, binäre Identifikation, mindestens 6 Zeichen, keine Sonderzeichen.

Dreckige Witze

Eli ist ein älterer Herr, der gern Witze erzählt. Er arbeitet als Buchhalter für Cinemax. Sein Arbeitgeber veranschaulicht seine Witze und stellt diese dann als Videos ins Netz.



Nebenbei bemerkt handelt es sich bei diesem Eintrag um den 100. veröffentlichten Eintrag. Letztes Mal handelte es sich "nur" um die 100. Speicherung eines Eintrags. Ich habe inzwischen etwas aufgeräumt in der Ablage, etwas Ordnung im Gedankenhaufen geschaffen und einige unvollständige Texte bearbeitet, was sich zu einem Marathonlauf entwickelte. Die verbleibenden unvollständigen warten noch etwas länger auf ihre Veröffentlichung, doch neue stehen schon an.

Jetzt schaue ich mir noch ein paar Witzgeschichten von Eli an und lasse diesen produktiven Sommertag abkühlen. Nebenan wird sich schon mit der Wasserflasche besprüht.

Wellen der Unsicherheit

Virale Werbung

Die Videoclips in denen Handys für die Herstellung von Popcorn verwendet werden, waren Teil einer wohl eher misslungenen viralen Werbekampagne der Firma Cardo, die auf diese Weise ihre Bluetooth-Headsets unter die Leute bringen wollten. Einerseits haben sie damit eventuell ihren Bekanntheitsgrad erhöht, gleichzeitig aber auch die Unsicherheit der Handynutzer in Bezug auf Strahlenbelastung verstärkt. Diese Unsicherheit wird auch durch die unzähligen Meldungen im Netz ausgelöst, die u.a. aber auch auf die schlampige Arbeit von Online-Journalisten zurückzuführen ist, die Copy-Paste anstelle der Eigenrecherche bevorzugen.

Bluetooth/Mikrowellen

Die Einführung des Bluetooth-Standards soll unser Leben entkabeln. Befürchtungen, diese Strahlen wirken sich schädlich auf den Nutzer aus, werden im Netz zum einen bejaht, zum anderen verneint. Und wenn man selber kein Experte ist, dann vertraut man am besten einer seriösen Autorität.

Handy-Strahlung


Auch die Strahleneinbildung kann sich gefährlich auf die menschliche Gesundheit auswirken. Die Bundesnetzagentur bietet seit Januar 2004 ein Datenbank für elektromagnetische Felder an, um einen Beitrag zu mehr Transparenz und Versachlichung der Diskussion um mögliche Gesundheitsrisiken durch Sende- und Funkanlagen zu leisten. Auch der TÜV-Nord ist im Auftrag des Informationszentrums Mobilfunk e.V. (IZMF) um die Gesundheit der Bürger besorgt und hat daher eine Untersuchung zur Strahlenbelastung in verschiedenen Gemeinden in Sachsen-Anhalt unternommen. Warum haben sie aber eigentlich in diesem zahlenmäßige bevölkerungsarmen Bundesland gemessen?

Elektro-Smog


In der Wissenschaft wird die Wirkung von Strahlen auf die menschliche Psyche und Physis kontrovers diskutiert. Wenn die Strahlen Einfluss auf den Körper haben, dann muss dieser auch technisch messbar sein.

Zu guter Letzt


Die Milch macht's

Vor einiger Zeit erreichte mich die Milch-Rundmail, die schon seit 2005 in der ein oder anderen Form im Netz kursiert und den Empfänger einen Blick in den Augiasstall eines großen deutschen Konzern gewährt. Doch bevor es ans Ausmisten geht, will ich auch wissen, was die angeprangerte Gegenseite zu den Vorwürfen zu sagen hat. Fündig bin ich auf der Homepage des deutschen Heimwerkerkings Jean Pütz geworden. Nach dem er "in den letzten drei Jahrzehnten Dutzende Werbeverträge kategorisch abgelehnt" hat, halfen ihm die "ausführlichen Gesprächen mit der Konzernspitze, sowie mit unabhängigen Verbraucherschützern und Wissenschaftlern" sich für einen Werbespot für "den ersten Milchreis im Becher zum Selberbasteln" zu entscheiden.
Nun, käuflich bin ich bis heute nicht! Allerdings habe ich etwas gegen das "Verprügeln von vermeintlichen Sündenböcken".
Denn auch ihm ist die Rundmail nicht entgangen, doch für ihn hat die offizielle Stellungnahme der Presseabteilung "die darin gemachten Vorwürfe und Zweifel entkräftet und ausgeräumt", um somit "reinen Gewissens vor die Werbekamera zu treten".

In dieser Gegendarstellung der Presseabteilung des Müller-Imperiums ist zu lesen, dass das Unternehmen 1760 Arbeitsplätze geschaffen hat, doch leider nicht, ob diese auch dauerhaft sind. Die Automatisierung und Technologisierung der Produktion ist der Entwicklung inhärent. Somit käme nach einer Welle der Einstellung, eine Welle der Aus- bzw. Umverlagerung von Arbeitsstellen auf Zeitarbeit sowie Praktikumsstellen. Schließlich macht es die Arbeitsagentur nicht anders, wenn sie 1-Euro-Jobber aus der Arbeitslosenzahlen-Statistik herausnimmt, um sie so schlanker aussehen zu lassen, auch wenn es nicht der Realität entspricht.

Des Weiteren wird dem Konsumenten vorgemacht, dass die 400-ml-Flasche beliebter beim als der 500-ml-Becher sei? Kam niemand im Produktionsdesign darauf, dass der Kunde vielleicht auch eine 500-ml-Flasche mögen könnte? Dabei ist die Verwendung von PET-Flaschen auch nicht unbedingt das Gelbe vom Ei, denn
bei der Herstellung der PET-Faschen [entsteht] auch Acetaldehyd, das in geringen Mengen in den Inhalt (auch bei Mineralwässern) übergehen und es geschmacklich (sensorisch) verändern kann. [Wikipedia: PET]
Eine bessere Wahl erscheint mir wohl Bioplastik, die -- dem Gewissen des umweltbewußten Konsumenten entsprechend -- auch biologisch abbaubar sind. Darüberhinaus stellt sich die wirtschaftliche Frage, ob die verringerte Milchmenge in den Flaschen eine gleichbleibende Preishöhe rechtfertigt? Zumal eine Änderung des Designs, der Menge, der Form, etc. stets auch mit einer Änderung der Qualität und Quantität, jedoch nicht unbedingt des Preises, einhergeht. Siehe (u. a. aber nicht nur) IKEA: mit der Verbesserung der Produkte kann auch eine Verringerung der Qualität auf Grund billigerer Materialien einhergehen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sofern die Aussagen der Stellungnahme auch richtig sind, werden andere Informationen, die auch wichtig sind, außenvorgelassen, z. B. das die Genveränderung von Mais zwar vor Schädlingen schützt (was wissenschaftlich auch bewiesen ist), aber die Info, dass auch andere Insekten dadurch betroffen sind, die sich ebenfalls von der Maispflanze ernähren, wird unterschlagen und findet sich erst in einem Zeitungsartikel wieder.
Auf das Thema genmanipuliertes Tierfutter geht die Pressestelle erst gar nicht ein, was von vornherein einen Schatten auf Müller-Milch wirft. Der Kettenbrief hebt auch hervor, dass Theo Müller der NPD Spenden zukommen lässt. Auch dazu kein Kommentar. Gleichfalls bleibt unerwähnt, daß T. Müller seinen Wohnsitz nach Österreich verlegt hat, zwecks Steuerersparnis. Faßt man das Firmenschreiben zusammen, dann entsteht unweigerlich der Eindruck, daß uns eine “schöne neue Welt” vorgegaukelt wird, worauf man gern verzichten kann! Dabei sollte nicht vergessen werden, dass es eine Höchstgrenze für anonyme Parteispenden gibt, sodass erst ab einem bestimmten Betrag die Geldsumme mit einem Namen schriftlich deklariert werden. Peter Hoersel, Kommentar zu "Die Wahrheit über Müllermilch" (11-02-2007)
Ein weiterer Vorwurf: Ist Herr Müller homophob? Darüberhinaus sind das auch nicht die ersten Vorfälle in und mit diesem Unternehmen. Im Manager-Magazin erschien am 11.05.2005 ein Bericht über die Unternehmenspolitik des Polterpatriarchs. Das TV-Magazin "kontraste" berichtet am 29.09.2005 über den Milchkrieg in Sachsen. Der sich daraufhin verbreitende Kettenbrief wird am 12.11.2005 auf der Seite der TU Berlin als Hoax eingestuft. Ein Jahr darauf verliert Müller am 19.12.2006 ein Gerichtsverfahren gegen den Vorwurf von Greenpeace genmanipulierte Milch zu verwenden.

Doch bisher galten die Vorwürfe stets der Person und dem Unternehmen, jedoch nicht dem angebotenen Produkt. Hier daher an dieser Stelle eine Seite auf der die angebliche gesundheitschädliche Wirkung von Milch auf den menschlichen Organismus erklärt und erläutert werden.

Digitales Outsourcing

Wenn ein Unternehmen ein Teil seiner Aufgaben und Strukturen an ein anderes Unternehmen, meist vertraglich geregelt, übergibt, welches sich genau auf solche internen Leistungen spezialisiert hat, dann wird diese wirtschaftliche Auslagerung in der Arbeiterschaft und gegebenenfalls auch in der Bevölkerung stark kritisiert. Unter anderem weil damit die Auslagerung bzw. Umverlagerung von Arbeit bezeichnet wird und die Menschen, die zuvor diese Arbeiten erledigt haben, "gegangen worden" bzw. von ihrem Arbeitsplatz "freigestellt" wurden. Die auslagernden Unternehmen können durch diese Verteilung ihrer redundante Leistungen und Teilerstellungen Geld einsparen, um von der Effizienz eines spezialisierten Dienstleister zu profitieren.
Profịt, der; -(e)s, -e 〈franz.〉 (finanzieller) Vorteil, Nutzen, Gewinn: sich /Dat./ von etw. P. versprechen, aus etw. P. ziehen, umg. schlagen, herausschlagen; etw. mit P. kaufen, verkaufen; Polit. Ök. verwandelte Form des Mehrwerts, der am angelegten Gesamtkapital gemessen wird: Der Mehrwert resp. Profit besteht gerade in dem Überschuß des Warenwerts über ihren Kostpreis Marx Kapital 3,62; Kapitalgewinn eines Unternehmens: hohe, märchenhafte, riesige, salopp dicke, umg. fette Profite einstecken, aus einem Unternehmen erzielen; die Fabrik warf P. ab; nach P. jagen; auf (Ware und) P. gerichtetes Denken [DWDS: Profit]
Naomi Klein beschreibt in ihrem Buch "Die Schock-Doktrine", wie ein Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes durch die Beauftragung von Subunternehmen, staatlich beauftragte und -finanzierte Aufträgen mit staatlichen Mitteln finanziert wird, Teile oder komplette Aufträge an ein anderes Unternehmen vergibt, welches wiederum diese Arbeit für einen geringeren Preis ausführen kann. So erhält z. B. eine Baufirma den Auftrag, die Unterkünfte der Soldaten in einem Kriegsgebiet zu errichten. Dafür schaut sich das die Baufirma nach einem Unternehmen um, dass an Stelle seiner die Ausführung übernimmt. In den meisten Fällen wird sich dieses beauftragen Subunternehmen ein weiteres Unternehmen suchen, dass die Aufgabe erledigt, aber letztendlich für einen weitaus geringeren Preis als der ursprüngliche Auftrag gekostet hat. Dabei ist also zu bedenken, dass die am meisten vom Kuchen bekommen, die nahe genug am Kuchenteller sitzen. Am Ende des Tisches ist nur noch das Knurren der ausgemergelten Mägen.

Doch Outsourcing kann auch zu vollen Bäuchen und vollen Taschen bei weit mehr als nur bei den leitenden Oberen führen. Wenn es vernünftig und bedacht ausgeführt wird, wenn der Mensch noch vor der Arbeit gesehen wird und wenn der Profit hinter die menschliche Kreativität und Produktivität gestellt wird. Rick Wolff zeigt in seinen faszinierenden Vorträgen auf, dass das derzeitige wirtschaftliche System der Privaterie an sein Ende gekommen ist und stellt die Version eines neuen Systems vor, welches schon von einigen Firmen erfolgreich und profitabel praktiziert wird.

Mark Twains Romanfigur Tom Sawyer kam der Gedanken der Arbeitsverteilung als ihn seine Tante Polly dazu verdonnerte den Zaun mit neuer Farbe zu streichen. Kurzerhand überzeugte er andere Kinder aus der Nachbarschaft von der Faszination seiner "Strafe". Diese erklärten sich dann bereit, für Tom die Aufgabe zu erledigen und Tom konnte den sonnigen Tag ohne große Anstrengung genießen. Letztendlich kam seine Tante dann doch dahinter und lies ihn mit seiner Gewieftheit nicht ungescholten davon kommen. Wo steckt Tante Polly heute?

Im Colbert Report vom wurde Thomas Friedmans Buch vorgestellt, in dem er eine grüne Revolution à la Chine fordert.


Colberts Verschmelzung von Gedanken nimmt immer mal wieder ungeahnte Wendungen:
Market has spoken because Gore's movie made money.
Über die flatulenten Kühe habe ich mich auch schon geäußert. Die Daily Show vom Vortag zeigte in einem Segment namens "Don't Know Dick" einen weiteren ökonomischen Stinker, der ein Unternehmen führt, welches ein Unternehmen beauftragt, um etwas "unangenehmere" Aufgaben zu erledigen.


Verschmelzung von Ideen ist der Motor der Entwicklung. Weiterentwicklungen basieren auf der Kombination von Ideen. Doch Outsourcing ist nicht nur auf die Wirtschaft begrenzt, sondern findet auch in anderen Bereichen unseres Lebens statt. In der Forschung wird mit Hilfe von freien Kapazitäten in Netzwerken wie dem Internet Ideen und Technologien verknüpft, die alte und neue Konzepte mit einander verbinden und neue Ergebnisse liefern, wie z. B. Folding@Home.

Nutzer von Playstation und Computern können beispielsweise am sogenannten Verteilten Rechnen (auch Dezentralisiertes Rechnen, Verteilte EDV; engl. Distributed Computing) teilnehmen und an der Erforschung der Proteinfaltung mithelfen. Dabei handelt es sich um
eine Technik der Anwendungsprogrammierung, bei der die einzelnen Prozesse einer verteilten Anwendung ein gemeinsames Ergebnis berechnen. Hintergrund ist die Überlegung, dass die Hauptprozessoren vieler Rechner zeitweise nicht ausgelastet sind, da der Anwender meistens nur mit wenigen Programmen arbeitet, welche nur einen Teil der gesamten CPU-Leistung beanspruchen. Diese ungenutzten Ressourcen möchte man beim verteilten Rechnen nutzbar machen. Hierzu wird eine entsprechende Client-Software auf dem betroffenen Rechner installiert, die diese Aufgaben meistens weitgehend im Hintergrund übernimmt. [Wikipedia: Verteiltes Rechnen]
Auch in der digitialen Welt finden immer mehr Applikationen und Nutzungsarten einen gemeinsamen Weg.
Mossberg, the "Most Influential Computer Journalist" according to Time Magazine, described the trends that excite him right now as happening both in computer hardware and computer software: outside the browser Web applications, service in the cloud, and hand held computers. Lidija Davis, ReadWriteWeb (20-11-2008)
Doch erst einmal hat der ökonomische Kollaps Anbieter in den Sozialen Netzwerken erreicht, deren Zukunftsfähigkeit ein jähes Ende gefunden haben. Die Firma "Value of n" hatte beispielsweise einen kostenlosen Dienst angeboten, der als elektronischer Sekretär, im Gegensatz zum telefonischen oder persönlichen, fungierte. Durch den Verkauf des Unternehmens an Twitter wird dieser und andere Dienste bis auf weiteres nicht mehr angeboten, was schade ist, weil ich neugierig geworden bin, wie sich der Gebrauch auf meine Tagesplanung ausgewirkt hätte.

Soziales Outsourcing ist im Vormarsch und es ist gar nicht mal so eine schlechte Idee.

Alle Vögel sind schon da

vögel
singen

früher
lauter

verkehr
dröhnt

unsere gefiederten freunde singen in der stadt durch den morgendlichen straßenlärm früher und inzwischen auch lauter. sie haben sich ihrer akustischen umgebung angeglichen, weil sie sich dem menschlichen krach in ihrem lebensraum anpassen.

und wer im sommer abends länger dem bett fern bleibt als die nacht kurz ist, kommt das ein oder andere mal erst zur amselstunde in die federn. das ist die zeit, in dem im osten der tag anbricht und die schwarzen vögel mit ihren gesängen und liebesbekundungen beginnen.

Hanna Fleiss
amselstunde

dir, stunde, schlägt die amsel
der morgen rötet sich ins flammendrot
der morgen, der leise, barfüßige

so lebe, tag
beginn mit dem ersten
dem ausatmen der nacht
dem verströmen von träumen
die auf nebligen stunden lasten

nimm mich an die hand
an meine schwache hand, die kaum
noch nächte trägt. sag, stunde, womit
sonst ein anfang sei

nicht den tag will ich fangen
nicht die stunden verkürzen
nicht die jahre vollenden zum sarg
ach, hinter dem roten vorhang warten
auch raureiftage

du gast der zeiten, gast der feste,
der trunkenen, reifen, selbstvergessenen
amselstunde, ich bin geborgen jetzt

sieh, und ist doch dieser morgen unseres
sagenhaften, berauschenden erdplaneten
ganz allein mein

Everybody's gonna love today, von Matt Schwarz

02.07.2009

Herzschlag eines Globalen Bewußtseins

Keine Sorge, der folgende Eintrag wird sich nicht mit dem Verlust mehrerer Ikonen der Kulturwelt auseinandersetzen. Vielmehr zeigen diese Verluste von Popidolen auf, dass wir eine Art von Verbundenheitsgefühl mit den ebenfalls besinnenden Mitmenschen entwickeln können. Die Trauer findet öffentlich und indviduell statt. Die weitflächige Verbreitung von solchen und anderen Informationen in einer Gemeinschaft geschah bisher in schnellster Form über die öffentlichen und privaten audiovisuellen Fernkänale. Die vorwochigen Ereignisse zeigen jedoch, dass inzwischen eine weitere Möglichkeit zur Vermittlung von Nachrichten in höherem Maß angewendet wird.
Internet is the new television, for many, even the majority of, people an excuse to refuse to do something meaningful with their lives, by engaging a socially acceptable addiction which bears a passing resemblance to reality. Social networking, to use a convenient example, can in some cases be a form of social onanism, people engrossed in relationships with entities as unreal as any soap personality, while taking comfort in the fact that they are not alone. Unlike t.v., one doesn't even have to wait for tomorrow's water cooler conversation to be reassured of the normality of one's behaviour. Brad Anderson, Global Conscious Blog (31-01-2007)
Innerhalb der sozialen Netzwerke auf diesem Planeten verbreiten sich die Nachrichten über Schicksale und Handlungen im gegenseitigen Austausch und Miteinander scheinbar schneller als zuvor. Letzten Donnerstag und Freitag pulsierte das Netz aus kommunizierenden Internetnutzern. Auf den echtzeitlichen Diensten wurde und wird der Umgang mit dem Tod unserer lebensbegleitenden Idolfiguren in ungekannter Aktualität und Ausbreitung aufgezeigt und verarbeitet. Neben gemeinsamen Traurigkeitsgefühlen wächst auch die Erkenntnis, welcher sich Generationen von Menschen derzeit wieder intensiver bewußt werden: die Veränderlichkeit des Lebens.
The soundtrack to the fun, carefree part of your life has suddenly ended. India Knight, Times Online (28-06-2009)
Besonders bei solch großen Ereignissen, in denen viele Menschen ähnliche Gedanken und Gefühle haben, gelingt es Forschern von der Princeton Universität durch die Zusammenführung zufällig erstellter Zahlenreihen eine Art Meßkurve sogenannten globalen Bewußtseins aufzuzeichnen. Mit dem GCP Dot des Global Consciousness Project wird farblich dargestellt in welcher Stimmung sich das weltweite Bewußtsein momentan befinden soll. Aus Neugier und zu Demonstrationszwecken habe ich daher den Code des Stimmungspunktes auf meinen Blog gesetzt.
Die Farben zeigen intuitiv an, wie stark die Zufallsgeneratoren voneinander varieren. Die Intensität der Farbe als Wellenmesser der digitalen See. Das GCP hat diese statistische Varianz des EGG-Netzwerks, bestehend aus weltweit aufgestellter Detektoren, auch auditiv wahrnehmbar gemacht. Wie der Herzschlag eines Menschen schlagen die Zahlenreihen im Takt und bei unerwarteten Ereignissen verändert sich diese Frequenzen. Dem EEG eines Herzens gleich, untersuchen die Forscher die
subtle correlations that may reflect the presence and activity of consciousness in the world. We predict structure in what should be random data, associated with major global events. When millions of us share intentions and emotions the GCP/EGG network shows small but meaningful differences from expectation. Global Consciousness Project
Während das GCP das Echtzeittempo des globalen Bewußtseins aufzeigen will, versuchen Musiktheoretiker und -praktiker das rechte Spieltempo für klassische Musik zu finden. So klingt beispielsweise das mozartsche Andante der Symphonie Nr. 40 (KV. 550), eingespielt vom European Philharmonia Orchester unter Anleitung von Maximianno Cobra, bei halber Geschwindigkeit ebenfalls wie das Schlagen eines menschlichen Herzens. Der Rhythmus ist beruhigend langsamer und der natürlichere Klang eröffnet dem Ohr verständlich erfassbare Melodiepassagen.

Doch wie findet die Übertragung statt? Gehen wir davon aus, dass wir alle aus schwingenden Teilchen bestehen und das ringsum uns herum auch alles aus diesen schwingenden Teilchen besteht. Das ganze Universum mit allem drin und dran schwingt also in dem ein oder anderen Rhytmus. Diese Schwingungen hören jedoch nicht an irgendeiner Stelle auf, sondern werden durch andere verstärkt oder geschwächt. Genauso wie Lachen nun einmal ansteckend ist, soll nun auch allgemeines Glücksgefühl positiv auf unsere mittlere Umgebung wirken. Darüberhinaus gibt es inzwischen Überlegungen aus der Glücksforschung zur Beschaffenheit des Glücks. Untersuchungen haben ergeben, dass Glück beispielsweise horizontal verteilt ist, d.h. die Steigerung von Glück ist nur eine Illusion, die uns vorgaukelt, dass wir besser und glücklicher sind, wenn wir mehr von dem und jenem haben.

Selbstverständlich soll das nicht andeuten, dass jeder in seiner Position verharren soll oder gar muss. In erster Linie gilt es die Lebensgrundbedürfnisse zu stillen bevor es daran geht das Glück zu pflegen. Doch hat sich erst einmal ein Glückszustand eingstellt, dann lässt sich beobachten, dass die nähere Umgebung gleichfalls durch die positiven Schwingungen beeinflusst wird. Ähnlich verhält es sich daher vielleicht auch mit der Trauer. Denn auch an den Tagen nach den Todesmitteilungen waren die Werte der Zufallsgeneratoren nachweislich unvorsehbar abweichend.