10.12.2008

Was ist Zeit?


Etymologisch gesehen beruht der Begriff auf dem althochdeutschen Wort zît, mit dem etwas "abgeteiltes" bezeichnet wurde. Die menschliche Wahrnehmung von Zeit ist eine kausale Aneinanderreihung von Augenblicken, die abhängig von den Umständen unterschiedlich empfunden wird.

Aus der Sicht der Physik ist sie eine fundamentale Größe, die sehr exakt gemessen werden kann. Sie bildet zusammen mit der Dimension des Raums das wahrnehmbare Kontinuum, in das jegliches materielle Geschehen eingebettet ist. S. Hawking schlussfolgert daraus die Untrennbarkeit von Raum und Zeit.
Die Frage nach der Zeit als Maßstab für Veränderungen erübrigt sich ohne das Vorhandensein jeglicher Materie. Ohne Materie gäbe es keinen Grund zur Annahme der Existenz einer Zeit, da sie sich nicht bemerkbar machen könnte. [Wesen der Zeit]
Hier ist ein Videoclip seines beeindruckenden Vortrags auf der TED-Plattform zu den großen Fragen des Universums, in dem er auch beiläufig die Entstehung von Zeit anschneidet:



Noch heute gilt der Begriff der "absoluten Zeit" im menschlichen Alltagsverständnis. In der Physik ist diese invalide Formulierung allerdings schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr gebräuchlich. In seinem Artikel "Zur Elektrodynamik bewegter Körper" (1905) beschrieb A. Einstein eine wissenschaftliche Theorie zum Verhalten von Raum und Zeit, in der er die galileische Erkenntnis über die Gleichberechtigung sich gleichförmig gegeneinander bewegende Körper (Kovarianz) und das Fehlen eines vergleichbaren Systems der Ruhe -- die Erde umkreist die Sonne mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/s bzw. 107 km/h, während unser Sonnensystem mit etwa 250 km/s um das Zentrum unserer Galaxie wirbelt -- auf alle Bereiche der Physik erweiterte.

Im Laufe der Jahre half dieses Wissen die exakte Rotationsdauer der Erde um die Sonne zu bestimmen. Aus praktischen Gründen haben wir diese Zeit jedoch auf 365 Tage abgerundet, so dass es ab und an notwendig ist, neben einem Schaltjahr, eine Schaltsekunde einzufügen. Somit wird dieses Jahr um eine Sekunde verlängert, damit unser Kalender durch die Präzision der physikalischen Ereignisse nicht mit unserer geschichtlich entwickelten Wahrnehmung von Zeit durcheinander gebracht wird. Aber keine Sorge, nur die Zonenbewohner der UTC sind von diesem Einschub einer elften Sekunde zum Wechsel ins Neue Jahr betroffen. In Deutschland findet dieser offiziell erst ein Stunde später, also um 00:59:59 Uhr, statt. Atomuhren messen die Zeit übrigens unabhängig von der Erdrotation und sind dadurch von dieser Zeitverschenkung nicht betroffen.

Mit der Einführung der mechanischen Uhr wurde die zeitliche Einteilung der biologischen Uhr in die Form eines genau geregeltem Zeitempfinden angepasst. Der erste mechanisch erzeugte Glockenschlag unterteilte den Tag mit jedem neuen Schlag in genau definierte Abschnitte, die durch die Verbesserung der Technologie immer exakter bestimmt werden konnten. Die Unterteilung des Verlaufs von Zeit in Stunden und Minuten entspricht jedoch nicht dem individuellem körperlichen Zeitempfinden.

Der Biorhythmus eines Menschen wird durch die Taktung seiner inneren Uhr bestimmt, die sich unterschiedlich auf seine mentale und kreative Leistung ausprägt. Die Chronobiologie unterscheidet daher zwischen sogenannten Eulen und Lerchen. Der Großteil der Bevölkerung ist allerdings irgendwo zwischen diesen zwei Extremen anzutreffen. Da die Körperuhr durch innere wie äußere Faktoren beeinflusst werden kann, gibt es für Langschläfer Lichtwecker, die durch die Simulation eines Sonnenaufgangs den Schlafenden auf natürliche und erholsame Weise zu unnatürlichen Zeiten aus dem Traumland holt. Im Gegensatz dazu verfolgt der Schlafphasen-Wecker ab einer vorbestimmten Uhrzeit die körperlichen Signale, d.h. den Grad der Bewegungen im Schlaf, wodurch der günstigste Moment zum sanften Wecken und leichteren Aufstehen bestimmt wird. Nach Marx wird die Produktivkraft der Wirtschaft mit Hilfe des Zeitaufwands zur Herstellung einer bestimmten Warenmenge gemessen. Diese sogenannte Ökonomie der Zeit ist jedoch gelöst von der menschlichen Biochronologie. Die individuelle Leistungskurve des Menschen wird somit missachtet.

Unsere Auffassung von Zeit versucht die multidiziplinäre Kunst- und Designgruppe Troika mit ihrer 22-Meter langen elektro-lumineszierenden Wandinstallation zu sprengen. Im Eingang der Abflughallen "First and Concorde Galleries" im neuen Heathrow Terminal, soll ihre Leuchtuhr den Betrachter durch die Assoziation mit Orts- und Zeitangaben von ferne, fremde Punkten auf der Welt auf eine imaginären Reise schicken.

In der Philosophie zählt das Bewußtsein als Mittelpunkt der Wahrnehmung des Ablaufs von Veränderung im räumlichen Umfeld. Die psychologische Zeitrichtung bestimmt unsere Vorstellung des wahrzunehmenden Zeitverlaufs Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft und verhindert eine Erinnerung an die Zukunft. Die menschliche Reflexion stellt somit die Fähigkeit da, durch die Verarbeitung vergangener Ereignisse im gegenwärtigen Nachhinein zu Erkenntnissen über die raumzeitlichen Bewegung des Selbsts zu erlangen. Darin liegt vielleicht auch der Antrieb zur Beantwortung der existenziellen Sinnfrage? Inzwischen hat die Forschung sich diesem Phänomen genähert und hat neben der Entdeckung eines Zeitgeber-Gens, auch herausgefunden, dass
Willkürhandlungen vorbewußt eingeleitet werden (ca. 250 ms vor der Bewußtwerdung) und erst während der Ausführung ins Bewußtsein gelangen. Dies läßt sich bei einer Vielzahl von Handlungen nachvollziehen. Weiterhin können durch künstliche Stimulation von Hirnregionen Handlungen ausgelöst werden, die später als selbst beabsichtige Handlung wahrgenommen werden. [Wesen der Zeit]
Das menschliche Empfinden von Zeit ist somit nur eine Art der Realität: die Verarbeitung von neuronalen Reizen. Dennoch empfinden wir die chronologische Abfolge von Ereignissen im Rahmen der Gesetze der Kausalität.