22.10.2008

Umschauen

In letzter Zeit stelle ich mir immer häufiger die Frage, ob ich mir die Brisanz der derzeitigen Ereignisse nur einbilde, weil ich in ihnen einen vermeintlichen Wandel sehe will. Doch dann stelle ich fest, dass ich nicht der einzige sein kann, den die Wogen des Finanztsunamis erfasst hat. Bin ich ein philodoxer Pejorist?

Anfang Oktober erreichte die Welle auch Safires semasiologischen Kolumne "On Language" in The New York Times, in der er feststellte, dass die Verwendung bestimmter Wörter vermehrte in den amerikanischen Medien auftreten, weil sie furchteinflößender scheinen. Wie z.B. toxic, das als semantische Eigenschaft von Schulden und Krediten gebraucht wird. Auch das inzwischen diesseits des Atlantiks bekannte bailout nahm er unter die Lupe, dessen ursprünglich nicht pejorative Bedeutung schon 1940 einen "financial twist" erhielt, um die Verhinderung einer ruinöse Entwicklung zu bezeichnen. Durch den inflationären Gebrauch verlieren diese Euphemismen jedoch wieder an Schärfe.

Auch der Verfasser des "A Word A Day" bereicherte Ende September seine Gedanken zum Tag mit Zitaten ob der aktuellen Situation. So gab es beispielsweise am 29. September eine Definition für Korporation:
An ingenious device for obtaining individual profit without individual responsibility.
Der Ausspruch stammte vom amerikanischen Schriftsteller, Journalist und Lebenskünstler Ambrose Bierce (1842-1914). Zwei Tage später kam der Bürgerrechtsaktivist Andrew Young (1932-) zu Wort:
Nothing is illegal if one hundred businessmen decide to do it.
Eine Woche später wird der Komiker Michel Colucci (1944-1986) zitiert, der äußerte, dass
Journalists do not believe the lies of politicians, but they do repeat them -- which is even worse!
Einen interessanten gedanklichen Vergleich stellte der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman (1918-1988) auf: Es gibt etwa 100-300 Milliarden Sterne in unserer Galaxie. Das waren mal unvorstellbar große Zahlen, aber die amerikanische Schuldensumme liegt weit darüber! Derartige Zahlen wurden mal astronomisch genannt, jetzt sollten wir sie lieber ökonomisch nennen. Erschreckend ist die Tatsache, dass er diesen Vorschlag schon vor mehr als zwei Jahrzehnten geäußert hat, dieser aber nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Mit einer Suchanfrage bei YouTube kann ein ganzer Tag mit dem Sichten von Videos ausgefüllt werden. Mit derzeit im Umlauf befindlichen Begriffen wie "Finanzkrise" erhält man 467 Videos. Sucht man nach "Grundeinkommen" erhält man 139 Videos und beim Begriff "Geld" weit mehr als das 200fache. Dazu gehören dann aber auch Musikvideos und dergleichen. Es gibt aber auch verschiedene Vlogs (Portmanteau aus Video und Blog), in denen aktuelle Fragen diskutiert werden. Ein User stellt eine Frage als Videoclip ins Netz und fordert andere auf sich dazu zu äußern, in Form eines Kommentars oder einer weiteren visuellen Botschaft.



Video-Repliken: http://www.youtube.com/video_response_view_all?v=Az0iWH6Lf8g