14.10.2008

Kontext

Für viele Mitmenschen in meiner Umgebung ist die derzeitige Finanzkrise ungreifbar und nicht nachvollziehbar. Wenn eine Tageszeitung die Höhe des deutschen "Bail-outs" als Aufmacher auf der ersten Seite druckt, dann stehen die meisten davor und müssen erst einmal erfassen, um welche Zahl es sich dabei genau handelt. Aber die wahre Menge wird und kann nicht erfasst werden: 500 000 000 000! Null plus Null gleich Null? Ab einer bestimmten Größenmenge kann der Mensch sich den Sachverhalt nicht mehr bildlich vorstellen, weil es außerhalb seines Vorstellungsvermögens für die Realität liegt. Ins rechte Licht gerückt, sieht die Sache dann doch schon wieder ganz anders aus:



Der Cartoon entstammt aus meiner derzeitigen Lektüre:

Aristotle and an Aardvark go to Washington - Understanding Political Doublespeak through Philosophy and Jokes

Thomas Cathcart und Daniel Klein

Auf lustige und intelligente Weise nehmen die beiden Autoren sich die Zeit, um die sprachlichen Ergüsse amerikanischer Politiker auf ihre Schlüssigkeit und Aussagekraft hin zu überprüfen. Leider stellt sich dabei heraus, dass dies nicht nur auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu begrenzen ist.

Eine weiteres Buch, was ich gerade lese, ist von einem Nobelpreisträger für Physik:

Das Verbrechen an der Vernunft - Betrug an der Wissensgesellschaft

Robert B. Laughlin

Insbesondere die Passagen in denen er über die Verknappung von Wissen, d.h. die Geheimhaltung von technischen Daten und wissenschaftlichen Informationen schreibt, scheinen heute nicht mehr nur auf die Wissenschaft und Wirtschaft beschränkt zu sein.

Dabei kommt es gerade darauf an, dass die Menschen wissen: Vogel-Strauß-Politik und Scheuklappen-Syndrom haben uns in die Lage gebracht, in der wir heute sind. Monopole müssen zerschlagen und die Wissensfreiheit gefördert werden, damit wir vorankommen und die Errungenschaften des menschlichen Geistes nicht zum Schutze vor Angst gebrauchen, sondern zum Wohl aller nutzen.

Die geschichtliche Entwicklung der Menschen hat uns gezeigt, dass wir in zyklischen Epochen voranschreiten. Nach dem geologischen, kam das metallische und darauf das industrielle Zeitalter. Innerhalb jeder Epochen finden wieder kleine Umwälzungen und Veränderungen statt: Alles ist im Fluß, nix ist wie es einmal war. Zur Zeit stecken wir in einer Sackgasse aus der wir ohne Umstrukturierung nicht herauskommen. Die angepriesenen Mittel, z.B. der finanziellen Unterstützung durch den Staat haben nur kurzfristig einen Effekt, das Problem besteht aber weiterhin, wenn nicht am System etwas geändert wird.

In Südamerika finden daher solche Systemänderungen statt. Nach Jahren der Unterjochung und Vormundschaft durch IWF und des damit einhergehenden Washingtoner Konsenses, erwachen die Menschen aus diesem Schockzustand und die Politik findet ihren Weg zurück zu ihren demokratischen Anfängen ala Allende & Co. Diese Loslösung bringt den Venezolanern, den Bolivianern und nun auch den Ecuadorianer eine Möglichkeit ihre sozialen Probleme anzupacken und den Raubbau an Land und Seele Einhalt zu gebieten.

Leider weiß das hier kaum jemand, weil in den Massenmedien diese sozialen Veränderungen als schlecht dargestellt werden. Was kann daran auch gut sein, wenn die Menschen selber darüber bestimmen, was gut für sie ist und was nicht? Was kann daran gut sein, dass Geld nicht an multinationale Konzerne geht und es somit auch nicht außer Landes geschafft werden kann, sondern in nationale Projekte des Wiederaufbaus gesteckt werden? Was kann daran gut sein, wenn den Menschen vermittelt wird, dass sie einen Wert besitzen, der nicht durch Geld aufzuwiegen ist? Klar, die großen Konzerne kriegen weniger ab, aber zählt nicht am Ende des Tages, was wir geschaffen haben -- wenn wir abends im Bett liegen und uns auf den nächsten Tag freuen, weil es Gründe gibt, sich darauf zu freuen!

Vielleicht wird uns dann die Geschichte zeigen, dass diese Krise nicht der Anfang eines tiefen Falls, sondern der Beginn einer neuen Ära ist.