23.10.2008

Cinemagie

Ich sitze im Kino, die zwei Stunden Werbung und Filmvorschauen sind vorüber--unterbrochen nur durch penetrant-höfliche Kaufangebote dutzender "Visual Entertainment Management Assistants" für eben beworbene Produkte auf der Leinwand für Zuschauer, die schon bei der Ankunft im Multiplex einen Parcour aus Popcorn- und Cola-Ständen durchquert haben. Von hinten ist leise das Zurren der Türen zu vernehmen, die zischen als sie geschlossen werden, gerade so als säße ich in einer Kompressionskammer. Das verbliebene Licht wird heruntergedreht, nur noch die Notausgangsschilder leuchten in einem warm-gelben Grün links und rechts vor der 15 mal 25 Meter großen Wand. Während noch kleine gleißende Punkte vor den gereizten Augen aufblitzen, öffnet sich der schwere Stoffvorhang. Der Raum füllt sich mit Trommelwirbeln. Der Film beginnt.

28 Minuten später wache ich aus einem mesmerischen Zustand auf. Meine Beine sind noch ganz taub, aber ein sich verstärkendes Kribbeln deutet auf die fortgesetzte Blutversorgung hin. Ich blicke nach beiden Seiten in meiner Sitzreihe und sehe gespannt auf die Leinwand gerichtete Gesichter. Als ich mich umdrehe, schaue ich in noch mehr gen Leinwand fixierte Augenpaare. Wie unter Hypnose starren sie auf die vor ihnen dargebotene Lichtershow. Zwei Reihen weiter sehe ich gelegentliche Zuckungen in einem der Gesichter, aber sonst rührt sich keiner. Selbst das Knistern von Verpackungen, das Strohhalm-Schlürfen aus 2-Liter-Eimern und das Knappern von Popcorn ist nicht zu hören. Nur ein süßlich-salziger Buttergeruch liegt in der Luft.

Ich drehe mich wieder zur Leinwand und versuche den dort wild flackernden und zuckenden Bewegungen zu folgen. Da entdecke ich in der linken unteren Ecke einen kleinen weißen Spalt, der immer nur dann sichtbar ist, wenn es besonders dunkel auf der Leinwand wird. Ich überlege einen Moment und wäge mein weiteres Vorgehen ab. Den Film kann ich mir nicht mehr ansehen, da ich mich nicht mehr auf das Geschehen konzentrieren kann. Die nächsten eineinhalb Stunden zwischen Kinositzen will ich jedoch auch nicht verbringen. Also entschließe ich mich herauszufinden, was es mit diesem Spalt auf sich hat. Nachdem ich mich zum Ende meiner Sitzreihe durchgerungen habe, stehe ich auf der Treppe und werfe nochmals einen Blick in den Zuschauersaal; einem Steckkasten besetzt mit lauter kleinen Puppen, die regungslos in die gleiche Richtung schauen.

Vor der Leinwand befindet sich ein Podest, welches durch eine kleine Treppe auf der linken Seite erklommen werden kann. Oben angekommen muss ich meinen Kopf ganz in den Nacken legen, um die oberste Kante der Leinwand zu sehen. Der Spalt ist in Augenhöhe mir gegenüber. Durch die nur wenige Zentimeter große Öffnung schimmern kaum wahrzunehmende warme Lichtstrahlen, dass ich mich frage, wie ich den Spalt von meinem Platz überhaupt sehen konnte. Mit weichen Knien und klopfendem Herz nähere ich mich und spähe hinein.