01.09.2008

Worte der Politik

Der Kolumnist einer zweiwöchentlich erscheinenden Sprachspalte in der New York Times beschreibt in seiner dieswöchigen Ausgabe den Wandel der Wortbedeutung einer neuaufgekommenen bzw., wie der Autor ausführlich im Artikel nachweist, re-animierten nominalen Phrase in der amerikanischen Medien- und Politiklandschaft: Free World.

Wenn die Sprache der Schlüssel zur Gesellschaft ist, stellt die temporale Semantisierung dieser zweitteiligen Wortgruppe eine Reflektion der multilateral politischen Entwicklungen und Beziehungen im geopolitschen und soziokulturellen Wirkungskreis der nationalen Entitäten des nordatlantischen Teils der westlichen Hemisphäre dar.

Das erste Mal erschien der Begriff im Oktober 1941 in der Erstausgabe eines Wirtschaftsberaters des Department of Agriculture in der Amtszeit Franklin Delano Roosevelts namens Mordecai J. B. Ezekiel. Die Publikation hieß "Free World" und war ein Projekt der "Free World Association" mit Sitz in New York. Das Motto der Zeitschrift war "For Victory and for World Organization" und 1942 fusioniert die "Free World" mit der Zeitschrift "United Nations World".

Damals führten die "Alliierten", allen voran die USA und UK sowie deren Verbündete, einen Kampf gegen nationalsozialistische und faschistische Regime, die die freie Welt bedrohten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das stalinistische, expansionistische Russland nicht mehr Teil dieses Clubs, sondern fand sich auf der Gegenseite wider.

1959 fasste der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow die damalige frequente Verwendung durch den amerikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower in seiner Aussage zusammen: "The so-called free world constitutes the kingdom of the dollar."

Damals folgte die Dreiteilung des politischen Globus: die freie, die kommunistische und die neutrale Dritten Welt (aus dem Französischen "tiers monde"). Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die kommunistische Welt auf China, Nordkorea und Kuba reduziert und zusammen mit als authoritär bezeichnete Staaten wie Iran, Simbabwe, Syrien und Myanmar in einen Topf geschmissen bzw. auf eine Seite gedrängt. Aber nicht nur die westlichen Demokratien, sondern auch alle anderen Ländern, die die Grundsätze demokratischer Gesellschaften akzeptierten und exerzierten, wie das Wahlrecht und die Pressefreiheit, zählten derweil zur freien Welt.

Heute sind die Länder Teil der freien Welt, die gegen das hegemonielle Aufgebahren eines russischen Bärens sind. Aber was sind eigentlich heute die Eigenschaften einer freien Welt? Laut Obama war zumindest die Position des "leader of the free world" für die letzten sechs Jahre vakant. Wenn das nicht mal weiterer Brennstoff für so manche Verschwörungstheorie ist ;)