06.06.2008

Heute im Angebot

Beim letzten Einkauf konsumierten wir ein Käseprodukt einer Firma, dessen konzeptionelle Aufmachung der Verpackung dem persuasiblen Kunden beim Kauf dieses anscheinlichem Naturprodukt das Gefühl sich gesund zu ernähren vermittelt und den Gedanken an grasende Kühe auf grünen Almen erweckt. Neben dem Gütesiegel des Öko-Tests über dem Logo und dem verbraucherfreundlichem Hinweis der Wiederverschließbarkeit, überzeugt eine verträumte Bäuerin, die in liebevoller Handarbeit die "Landliebe Qualitätsgarantie" mit in die Sahne hineinrührt und dem Produkt einen Hauch von Exklusivität verleiht.

Aber so schmeckt der Käse auch: liebevoll sahnig. Und für diesen geschmacklichen Genuss zahlt der konvinzierte Käufer bedenkenlos den seines Erachtens vielleicht sogar angebrachten, alá, Qualität hat ihren Preis. Sicherlich geht ein Teil des Betrags auch an die Milchbauern ... sowie an die Lkw-Fahrer, die Molkereien, die Logistik-Unternehmen.
Den Mehrpreis von 50 Cent je Liter gegenüber Discounter-Milch begründe der Campina-Milchkonzern mit unüberprüfbaren Werbeversprechen wie “artgerechter Tierhaltung”, “strengen Kriterien der Babynahrung” und “ausgewählten Bauernhöfen”. Weniger als ein Prozent davon kommt jedoch nach foodwatch-Recherchen beim Bauern an. Campina setzt mit seiner Marke Landliebe rund 300 Millionen Euro jährlich um. (footwatch, 29. April 2008)
Bedenkt man dabei zusätzlich die Menge der verwendeten Milch bzw. die Quantität der Kuhbestände, erscheint das Produkt weniger exklusiv und qualitativ. Bei der Online-Recherche finden sich auch die Namen der Firmen, die "im Namen" der genossenschaftlichen Herzlichkeit produzieren. Deren interessante (inzwischen) Konzerngeschichte zeigt hinter die Werbebotschaft und die Frische-Abteilung des Supermarktes und beleuchtet die Entstehung und Herstellung dieses grün-vermarktetem und indessen verzehrtem Käseprodukt.

Auch der größte europäische Eiskremhersteller hat mal klein angefangen, 1932 als italienische Eisdiele. In weniger als 70 Jahren haben die Erben den familiären Betrieb in einen florierenden Konzern erweitert. Das Unternehmen bietet seine vielfältigen Qualitätsprodukten auf dem europäischen Markt, weshalb es daher auch nicht verwundern sollte, wenn
weder Konsumenten noch Handelspartner unserer Verlockung widerstehen können! (rr-icecream)
Ich bin mal gespannt, was dann beim nächsten Einkauf im Wagen liegt ... und wie eventuell dann die Geschichte hinter dem Produkt ausschaut. (Siehe auch abgespeist.de)

04.06.2008

Radiogeräusche

In unserer Radiolandschaft gibt es immer mehr Sender, die den Hörer in einem der Radioprogramme dazu auffordert, ein Geräusch zu erraten, dass jeder schon mal gehört hat, um den Jackpot von ganz viel Geld zu knacken. Stellt sich die Frage wie hoch die Chancen sind, überhaupt den Betrag zu gewinnen. Angeblich kommen die Gewinner dieser Rateshows meist aus dem eigenen Haus, d.h. wenn der Familievater sich der gewonnenen Summe erst einmal bewußt werden muss, dann wird dem Zuhörer das Gefühl vermittel, da hat jemand wirklich das Geld verdient, dabei handelt es sich um einen Radiomitarbeiter. Und für 50 Cent pro Anruf und einer fleißigen Zuhörer- und Ratermenge, steigt der Jackpot in der Stunde um 100. Dabei sollten sich die Rätselfreunde einmal durch den Kopf gehen lassen, warum ein privates, profitorientieres Unternehmen seinem "Kunden" Geld schenken sollte, nachdem dieses Unternehmen das Geld so leicht verdient hat?

03.06.2008

Der Wert

Auf dem Heimweg konnte ich dem Druck, der auf meinen Schultern zu lasten schien, nicht mehr ertragen. Die Gewalt des Gefühls den Erwartungen und Anforderungen, denen ich als Mitglied eines gesellschaftlichen Systems ausgesetzt bin, nicht zu entsprechen, löste am heutigen Abend in mir eine emotionale Sturmflut aus, der ich nicht mehr standhalten konnte. Der Gedanke, dass die menschliche Existenz an der Größe des Kontosstandes bemessen wird, ließ die Gischt der Empörung und der Wut in mir schäumen ... ich heulte den ganzen Weg nach Hause.

Der Wert eines Menschen zeigt sich mit einem Mittel, was an sich keine Wert besitzt, aber durch den Menschen Wert erhält. In diesem System hat jedoch der Wert des Mittels inzwischen den Wert des Menschen bei weitem überstiegen. Zahlen drücken diesen Wert aus: 1120; 550; 7,50; 4,50. Nach oben ist die Skala offen, unten sind die anderen. Unten bin ich.

In einem System, in dem die Menschen arbeiten, um ihren Wert zu steigern. Nicht mehr die Arbeit an sich wird gewertet, sondern die Summe der Wertvermehrung wird gewürdigt. Menschen, die nur eine begrenzte Wahl haben, um ihren Wert zu steigern, nehmen Unzulänglichkeiten hin, schinden ihren Körper, ihre Seele, ihr Menschliches und verkümmern zu Lohnabrechnungen, Steuerrückzahlungen, Gewinnsummen, Jackpots, Ausgaben, Kosten, und Investitionen. Zu Zahlen und Ziffern, zu Austausch- und Ersetzbarem, entsprechend ihrem Wert, sozusagen.

In einem System, in dem die Chefin im Porsche Cayenne vorgefahren kommt und ich mir kein einwandfreies Fahrrad leisten kann, bei dem nicht die Kette knackend springt, wenn man anfährt oder in einen anderen Gang schaltet. Die Menge des Mittels entscheidet, wer wie fährt. Denn auch meine Chefin gibt sich große Mühe, den sozialen Anforderungen und Erwartungen zu entsprechen, um ihren Wert zu erhöhen. Nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge, sondern das Ding bemisst den Menschen. Wertsteigerung und Kostenminderung sind in jeglicher Hinsicht Schlagwörter der menschlichen Existenz geworden. Die widerstandslose Repetition des unhinterfragten Ablaufes des täglichen Lebens und die Verblendung durch profitorientiertes Denken und Handel, rekonstituiert das System jeden Morgen von Neuem.